Creativ Ambiente

 

HABEN WIR NICHT ALLE UNSERE EIGENE, AUßERGEWÖHNLICHE GESCHICHTE ?

 

VIELLEICHT DENKEN WIR ALLE, WIR WÄREN UNBEDEUTEND, UNSER LEBEN WÄRE LANGWEILIG, NUR WEIL WIR KEINE WELTBEWEGENDE DINGE TUN, KEINE SCHLAGZEILEN MACHEN UND WEIL MAN UNS KEINE AUSZEICHNUNG VERLEIHT.

ABER DIE WAHRHEIT IST, DASS WIR ALLE ETWAS FASZINIERENDES TUN, ETWAS MUTIGES, ETWAS WORAUF WIR STOLZ SEIN KÖNNEN.

JEDEN TAG VOLLBRINGEN WIR DINGE, DIE NICHT GEFEIERT WERDEN, OBWOHL SIE ES WERT SIND. UNBESUNGENE HELDEN, WEIL WIR EINFACH DAS TUN, WAS WIR IN UNSEREM LEBEN TUN MÜSSEN.

 

 

 

Darf ich bitten?  

Viel zu lange steht er schon vor dem Spiegel. Gedankenverloren betrachtet er sich darin. Die 75 Jahre haben sein Haar ergrauen lassen, aber es ist noch immer voll. Er öffnet sein Hemd und sieht seine unbehaarte Brust. Eine Erinnerung an eine unschöne Zeit. Schnell verjagt er diese Gedanken und sucht nach einer angenehmeren Erinnerung. Wie heißt es in dem Theaterstück von Peter Pan, das seine Enkeltöchter zur Zeit aufführen? "Du brauchst einen wundervollen Gedanken, damit du fliegen kannst!" Ein Lächeln huscht über sein Gesicht bei dem Gedanken an seine Enkelkinder. Drei wunderbare Kinder, die auf dem Weg ins Erwachsenenalter leider viel zu selten vorbeikommen.

Ja das Leben entwickelt sich unentwegt weiter. Es liegen nun mehr Jahre hinter als vor ihm. Es waren gute Jahre, aber eben auch nicht nur. Es gibt Schicksalsschläge, denen man ohnmächtig ausgesetzt ist.

In seiner Erinnerung ist er noch immer dem Jungen, der er einmal war, sehr nah. Im Alter wird die Vergangenheit plötzlich wieder sehr plastisch. Die Erinnerung an die eigene Kindheit kommt einem Sprung in den Jungbrunnen gleich. Vermutlich gehorchen die Menschen einem banalen Lebensgesetz: Erst träumen sie von der Zukunft, dann leben sie diese und am Ende, wenn die Zukunft vergangen ist, erzählen sie sie noch einmal.


Abrupt dreht er sich um und betätigt die Klospülung, und spült damit auch die trüben Gedanken fort. Sie soll nicht wissen, dass er schon wieder vor dem Spiegel gestanden hat. Er kehrt zurück ins Wohnzimmer und erblickt sie mit einer Zeitung in der Hand. Sie liest den Anzeigenteil. Er fragt sie, warum sie immer die Todesanzeigen liest, und weiß doch ganz genau, dass sie nach bekannten Namen sucht. An was erinnert ihn diese Szene? Es fällt ihm die Hausaufgabe seiner Enkeltochter ein. Sie musste eine Kurzgeschichte in Bildern darstellen und hat ihn und seine Frau als Darsteller gewählt. Was war daraus eigentlich geworden? Die Geschichte handelte von einem alten Ehepaar. Hatte er nicht auch vor einem Spiegel gestanden? Und hatte sie nicht auch Todesanzeigen gelesen?


Er nimmt sich den Sportteil und setzt sich in einen Sessel, ohne jedoch wirklich zu lesen. Plötzlich lächelt seine Frau. Als sie zu ihm blickt erfasst das Lächeln sogar ihre Augen. Laut liest sie vor:


Ob ihr fröhlich gelacht oder heimlich geweint,

in Glück und Not ward ihr immer vereint.

Bleibt weiterhin in Treu verbunden,

in schönen und in schweren Stunden.


Nicht vielen wird beschert,

dass man sie zum 50. Hochzeitstag ehrt.

Wir sind froh, dass wir euch haben,

das möchten wir euch hiermit sagen.


Es gratulieren von Herzen

die Kinder und Enkelkinder.



Viele Jahre sind seit der Hochzeit vergangen. Heute lebt er allein mit seiner Frau in diesem großen Haus. Seit die Kinder aus dem Haus sind und selbst die Enkelkinder erwachsen werden, ist es hier still geworden. Irgendwie haben sie sich eingerichtet. Heute hält sie nicht mehr die anfängliche Leidenschaft zusammen, sondern vielmehr die Sorge umeinander. Die Zeit verändert viele Sichtweisen. Aber er bejammert nichts, hat er nie getan.


Aufmerksam sieht er sie an und in ihren lachenden Augen glaubt er das junge Mädchen zuerkennen, in das er sich damals verliebt hat. Offensichtlich ist ihr Rückblick auf die gemeinsamen Jahre eher von romantischer Art. Ihr verklärter Blick scheint zu fragen: "Weisst du noch wie alles begann?"

Er schlurft in den Garten. Ziellos und ohne eigentlich etwas zu tun. Er geht zum Briefkasten und holt die Post. So viele Briefe heute. Hoffentlich nicht nur Rechnungen. Unbeachtet bringt er sie zu seiner Frau und legt sie auf den Wohnzimmertisch. Diese ist neugierig und erblickt die seltsamen Briefmarken auf den Umschlägen sofort. Immer die gleiche Abbildung, immer sie und ihr Mann. Die Briefe stammen von all ihren Freunden, die ihnen zum Hochzeitstag gratulieren. Noch eine Überaschung!

Er tritt zum Fenster und schaut lange in die Ferne. Heute abend kommt die Familie zusammen und sie werden schick essen gehen. Eine Familie, von der sie vor 50 Jahren noch nichts wussten, die es nur der glücklichen Verbindung der Beiden verdanken, überhaupt auf der Welt zu sein.


Als er sich abwendet fällt sein Blick auf ein Foto, das ihn als jungen Mann zeigt. Er nimmt es vom Schrank, um es eingehender zu betrachten. Vor garnicht alt zu langer Zeit hat er es schon einmal gemacht. Es war ebenfalls eine Szene aus der Kurzgeschichte seiner Enkelin. Und plötzlich kommt ihm ein Gedanke. Er dreht sich zu seiner Frau um und fordert sie zum Tanze auf, genau wie in der Geschichte. Erst überrascht, dann aber verstehend erhebt sie sich und sie Tanzen im Takte ihrer Erinnerungen noch einmal den Eröffnungstanz auf ihrer Hochzeitsfeier. Einige Male drehen sie sich wie ein junges Paar, bevor sie stehenbleiben und sich aneinander festhalten. Damals schickte es sich in der Öffentlichkeit nicht, aber heute küssen sie sich.


Welch ein wunderbares Geschenk zusammen durch das Leben zu gehen bis ins hohe Alter. In guten und in schlechten Tagen, so wie der eigentliche Sinn der Ehe ist.

 

Sonnenaufgang


Ich erwache voller Lebensfreude. So lebendig und leicht. Du liegst neben mir, entspannt, in tiefem Schlaf. In solchen Momenten erlebe ich es als Geschenk, dich anzusehen, stillschweigend und regungslos.


Nach einer langen Weile frage ich dich, ob du mit mir den Sonnenaufgang erleben möchtest, doch du hörst mich nicht. Also gehe ich alleine ...


Es ist so still, kaum, dass ich einen Windhauch spüre. Rosa angeleuchtete Kondenzstreifen am Himmel kündigen die Sonne an. Ob ich noch rechtzeitig den Aussichtspunkt erreichen werde? Hier oben geht ein leichter Wind und ich bin glücklich meine warme Jacke angezogen zu haben. Ich stelle mir deinen verschlafenen Gesichtsausdruck und deine dir eigene Körperhaltung angesichts der Temperaturen vor.


Die Sonne geht langsam auf.  Zu grell ist ihr intensives Morgenrot, um hineinzusehen.

Die Stadt zu meinen Füßen liegt noch im Schlaf, kein Laut. Nur winzige Lichtpunkte von Straßenlaternen, dennoch ist alles deutlich zu erkennen.


Die ersten Sonnenstrahlen erobern allmählich die Straßen. Einige Fassaden erleuchten, die Dächer erstrahlen in ziegelrot. Noch immer schläft die Stadt. Still liegt sie eingebettet von dunklen Wäldern im Tal. Kein Geräusch dringt an mein Ohr.


Die Blätter der Birke vor mir werden vom Wind umspielt und bewegen sich munter, ein lustiger Wechsel verschiedener Grüntöne entsteht. Ich wärme meine Hände in den Hosentaschen und lasse die Stimmung der Landschaft auf mich wirken.


Mit höher steigender Sonne verändert sich die Stimmung. Am Horizont werden Umrisse sichtbar, die leichten Nebelschwaden lösen sich auf. Die ersten Autogeräusche erschallen. Der Tag erwacht.


Im Wald ein lautes Hundegebell, gefolgt von einem für mich ein viel zu lauten "Nein!".


Wie schön, du liegst unter deiner warmen Decke. Dein Gesichtsausdruck lässt einen angenehmen Traum erahnen. Gut so! Ich sage kein Wort, nehme dich schweigend in mir auf, nur in Gedanken bin ich weiterhin mit dir im Gespräch.


Tiefes Streiflicht erleuchtet jetzt die Äste und Stämme des Waldes. Es wirkt überraschend weich und räumlich.


Kennst du das Gefühl, das hinter dem Kiefer unter den Ohren entsteht und sich dann bis zur Kehle und weiter bis zum Herzen ausbreitet? Wann habe ich das letzte Mal so empfunden? Jedenfalls nicht in der erstickenden Dichte des Alltags.


Ist das nicht schön, so mit der Sonne zu erwachen? Nur die Wärme der Sonnenstrahlen im Gesicht. Noch keine problemgetränken Gedanken, meiner mir eigenen Geschwindigkeit gehorchend. Es gibt diese tollen Momente noch. Ich wünsche mir, diese Momente in meinem Gedächnis nach erlebbar machen zu können. Kein Kraftaufwand im Alltag bringt ein gleichwertiges Ergebnis. Diese magischen Momente lassen den eigentlichen Sinn des Lebens erahnen.


Nimm doch unsere Begegnungen: keine war geplant, keine hatte einen negativen Beigeschmack. Sie waren alle, wirklich alle schön. Ich jedenfalls habe nichts anderes im Gedächnis. Ist das nicht ein Geschenk? Das Schöne entsteht eben im Geschehenlassen, nicht im Erarbeiten. Hier und jetzt erlebe ich es in aller Deutlichkeit. Kein Jammern über die späte Erkenntnis, nur Freude. Klar wäre es schön gewesen ohne die vielen Kämpfe, Wunden und Abstumpfungen, doch jetzt ist es nicht mehr wichtig. Dieser Augenblick zählt, dieses Empfinden, dieses Erleben.


Und du liegst faul neben mir im Bett. Ich bewege wenigstens die Kugel meines Schreibers, so sehr, dass er sich durch Schmieren über die Anforderungen beschwert.


Sicher hättest du nie geglaubt, dass ich neben dir so schweigend genießen kann. Ich habe mein Reden – ohne kann ich wohl nicht leben – nach innen verlegt. Seit ich dich liebe besteht das Bedürfnis nicht mehr, mich darzustellen. Ich bin angekommen, angenommen, wortlos, zufrieden und still. Deine Liebe hat mir jede Notwendigkeit genommen, mich immer wieder anstrengen zu müssen, mich zu beweisen, mich in Frage zu stellen.


Ich blicke zärtlich zu dir rüber, schlaftrunken blinzelst du in die ersten Sonnenstrahlen, deren sanftes Licht dein Haar vergoldet. Es ist nicht nötig das Bett zu verlassen, um die Sonne aufgehen zusehen.

 

 

 

Ich war noch niemals in New York !


Vier Frauen in NEW YORK...


Unwillkürlich erschienen vor meinem geistigen Auge Szenen aus dem Film "Sex and the City". Weniger beeindruckt von dem Lifestyle als vielmehr von der Freundschaft dieser so ungleichen Frauen. Übertriebene Weiblichkeit, reduziert auf Äußerlichkeiten und Sexualität, intelligente Frauen, die völlig skurril wirken und lebensuntauglich.

Einen Wandschrank voller Schuhe, im Wert einer Eigentumswohnung, wunderschön doch nicht begehbar wie der Schrank, in dem sie stehen. Sie sprechen von Designerlabels wie ich von Dr. Oetker oder Tchibo. Frauen, die ständig im Kampf gegen ihr Alter sind, deren Sorgen morgens beginnen und sie zermürben, wann immer sie in einen Spiegel sehen. Ich beneide sie nicht um ihr Aussehen, ihre teuren Kleider, ihre Männer, ihren "way of life" oder gar um ihren Sex. Nur auf ihre unerschütterliche Freundschaft bin ich eifersüchtig: Zickenalarm, Missverständnisse, Schicksale, ehrliche Meinungen, Offenheit, Interesse, Vertrauen, Erinnerungen, Stimmungsbarometer und jede Menge Spaß...


In meiner Vorstellung erschien New York immer lebendig, der Himmel darüber blau und ich hörte nur Musik in meinen Ohren. Es gab niemals ein Hotelzimmer mit nur einem Bad für vier Frauen. Intimer geht es doch gar nicht. Tatsächlich beschränkten sich meine Gedanken an Mode darauf, welchen Schlafanzug ich in den Koffer packe, um nicht ausgelacht zu werden. Immerhin würden in diesen Tagen alle Einzelheiten enthüllt.


Das ganze Zimmer war so groß wie ein Wandschrank, die Kleidung blieb im Koffer. Dankenswerterweise gab es bedingt durch die Zeitumstellung, die trockene Luft und die Psyche nur eine eingeschränkte Toillettenbenutzung, keine Geruchsbelästigungen, keinen Zeitverlust – den entweichenden Staub konnten wir problemlos unterwegs beseitigen! Der Föhn besaß nicht genügend Power, um sich die Haare zu stylen. Das Schuhwerk passte sich zunehmend den Strapazen des Asphalttretens an. Mit Fotoapparat und Rucksack verwandelten wir uns schnell in Durchschnittstouristen.


Die City von unten, von oben, vom Wasser, aus der Luft und mittendrin - bei Sonne, Regen, Tennisbällen und Dunkelheit. Intensive Tage mit vollem Programm. Jedesmal wenn wir aus der U-Bahn stiegen, erfüllte uns aufs Neue die Begeisterung. Diese Stadt ist anders: lovely! Lebhafte Straßen gesäumt von Wolkenkratzern, Schluchten und Canyons der Zivilisation.


Freundliche Menschen, die beim Anblick unseres Stadtplans sofort helfend herbei eilten. Eine eher befremdende Art für uns Europäer, die nicht gerne um Hilfe bitten und lieber kostbare Zeit mit Planen und Suchen verbringen. Oder lag es daran, dass wir vier gutaussehende Frauen sind, dessen Orientierungslosigkeit jedem Mann weltweit auffallen würde?


In der Tat hat es eine besondere Qualität in einer Frauengruppe zu reisen. Gesprächsthemen, Humor und Ausflugziele sind eindeutig feminin. Und hier kam tatsächlich eine Filmparallele zum Tragen: Shoppen! In Sachen Markenkleidung empfand ich unseren Trip durchaus als Fortbildungsreise. Und der Anblick der vielen Einkaufstüten erinnerte an eine Szene aus "Pretty Woman".


Wir leisteten uns jeden erdenklichen Luxus: Express-Tickets im Empire, Rikscha im Centrel-Park, Taxifahrten, Helicopterrundflug, Countrykonzert im Irridium, Eintrittskarten für die MomA, Rockefeller-Tour, Starbucks-Cafe, Erinnerungsfotos, Times, Outletstore...


Dank der modernen Technik wurde jedes Detail festgehalten und gepostet. Streng nach dem Grundsatz: Geteilte Freude ist doppelte Freude ! Jede offene W-LAN wurde genutzt, um die Daheimgebliebenen teilhaben zu lassen.


Den Kopf voller Erlebnisse, die Kamera voller Bilder und die Koffer voller Souvenirs – anstatt vergänglichem Luxus und Sex - traten wir widerwillig den Rückweg an.

Die Basis für eine unerschütterliche Freundschaft...?

  

Ich war schon einmal in ...

 

 

 

 

Die Himmelsleiter

Das Tagebuch, das zu Weihnachten unter dem Tannenbaum lag, obwohl es niemand dahin gelegt haben wollte, war zwischenzeitlich sicher unter meinem Bett versteckt. Zum einen, weil niemand etwas davon wissen sollte, zum anderen, weil es mir peinlich war.

In meinem Freundeskreis führte niemand ein Tagebuch. Wir schrieben einander ja auch keine Briefe, wir benutzten Twitter und Facebook, posteten Fotos von unseren Urlauben, unseren Partys oder aus Umkleidekabinen, damit die anderen ihre Meinung zu den anprobierten Klamotten abgeben konnten. Außerdem schickten wir natürlich ständig SMS und E-Mails mit dem neusten Tratsch und leiteten lustige Mails weiter, aber letztlich blieb alles oberflächlich. Wir tauschten uns vorwiegend über Dinge aus, die man sehen und anfassen konnte, nichts Tiefergehendes. Nichts, was mit Gefühlen zu tun hatte.

Ein paar Tage nach Weihnachten kramte ich meinen Schatz unter dem Bett hervor, versteckte ihn unter meiner Jacke und verließ unbemerkt das Haus. Auf der Suche nach einem ruhigen Ort, führte mich mein Weg in die alte Ruine, die ich vor einiger Zeit zusammen mit meiner Freundin entdeckt hatte. Es gab nur Steine, Unkraut und eine Treppe, die in ein Obergeschoss führte, das nicht mehr existierte, in den Himmel hinein, fast so als könnte man mit einem großen Sprung auf einer Wolke landen. Eine Himmelsleiter.

Ich setzte mich auf eine der untersten Stufen und nahm das Tagebuch auf den Schoß. Dann drehte ich den Stift in der Hand herum, starrte auf das geschlossene Buch und versuchte, mir etwas zum schreiben einfallen zu lassen. Mir lag viel daran, dass die ersten Worte etwas zu bedeuten hatten, ich wollte keinen Fehler machen. Schließlich fiel mir ein Anfang ein, und ich schlug das Buch auf.

Doch da fiel mir fast die Kinnlade herunter. Die erste Seite war schon voll, alle Zeilen säuberlich beschrieben... in meiner eigenen Handschrift.

Was dort stand überraschte mich noch mehr. Wie wenn ich dort nicht die Vergangenheit lesen könnte, sondern die Zukunft. Unwillkürlich schnappte ich nach Luft und richtete meinen Blick entlang der Treppenstufen nach oben in den Himmel.

„Liebes Tagebuch, heute ist der Beginn einer neuen Freundschaft. Du und ich, dir werde ich meine Gedanken und Gefühle anvertrauen. Das musst du schon aushalten, denn ehrlich gesagt, habe ich sonst niemanden. Meine Eltern verstehen mich nicht, meine Freunde sehe ich nur in der Schule. Per SMS und Mail geht das nicht. Ins Netz stelle ich bestimmt nichts. Meine beste Freundin ist sauer auf mich. Es herrscht absolute Funkstille. Ich bin deshalb sehr traurig. Also bleibst nur du.

Nun sitze ich hier am Fuße der Treppe mit meinem Buch auf dem Schoß und mein Blick richtet sich entlang der Treppenstufen nach oben in den Himmel. Irgendetwas erregt meine Aufmerksamkeit. Obwohl mich das helle Licht blendet und ich nichts erkenne, habe ich das Gefühl beobachtet zu werden. Ist dort jemand?

Meine Phantasie spielt mir einen Streich. Was wenn diese Treppe direkt in den Himmel führt? Wenn es tatsächlich eine Himmelsleiter ist. Ich habe gelesen die Himmelsleiter verbindet die Erde mit dem Himmel. Eine Möglichkeit für Engel auf die Erde hinab zu steigen.“

Den Blick angestrengt gen Himmel gewendet, versuchte ich etwas zu erkennen. Neugierig erklomm ich die Stufen der Treppe. Auf der obersten Stufe lag ein verlassenes Buch, das genauso aussah wie mein Tagebuch. Ich schlug es auf und las darin fast die selben Worte wie in meinem. Noch ehe ich begriff, was dort geschrieben stand, schreckte ich zusammen, da sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter legte. Ein Engel, schoss es mir durch den Kopf.

Vorsichtig drehte ich mich um und stieß um ein Haar mit meiner Freundin zusammen. Überrascht sahen wir uns an. Dann wanderte ihr Blick auf das Buch in meiner Hand und augenblicklich wurde mir klar, dass es sich hierbei um ihr Tagebuch handelte. Ich hielt es ihr entgegen und zeigte ihr meines. Ein verständnisvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann redeten wir lange und intensiv.

Es erschien uns wie eine wundersame Fügung. Auch sie fand das Tagebuch zu Weihnachten unter dem Tannenbaum und niemand wollte es dahin gelegt haben. Ein himmlisches Geschenk?

Seit dieser Zeit treffen wir uns regelmäßig am Fuße der Himmelsleiter, zum Quatschen, ganz altmodisch.

 

 

 

 

 

 

 

Ghostwriter

Auf der Reise durch mein Leben habe ich den Sinn gesucht, habe gehofft ein verborgenes Talent an mir zu entdecken. Die Suche dauert an, denn es ist mir nie gelungen, eine aussergewöhnliche Leistung zu vollbringen. Ich besitze keine besondere Fähigkeit, habe mich nicht zum Genie entwickelt. Meine Persönlichkeit hat mich in keiner Weise aus der Menge hervorgehoben.

Aus dieser Enttäuschung heraus entstand meine Innenwelt, in der ich ohne die Anerkennung anderer auskam. Ich beschäftigte mich mit meinen Gefühlen und Gedanken. Mein innerer Rückzug wurde mein Hobby, immer und überall ausführbar. Durch meine permanente Selbstanalyse lernte ich jedes Gefühl kennen und auszudrücken. Nicht nur begrenzt auf mich, sondern ich war dadurch auch in der Lage, mich in meine Mitmenschen hineinzuversetzen und durch bloßes Beobachten und Zuhören ihre Gefühle zu verstehen. Wohlbemerkt, dies ist keine Gabe, kein Talent und keine besondere Leistung. Dennoch entwickelte ich aus diesem Hobby eine seltsame Betätigung.

Mein pubertierender Sohn brachte mich darauf. Er war das erste Mal verliebt und wusste nicht wie er es anstellen sollte, völlig unerfahren und verunsichert über seine eigenen Emotionen. Ich war sehr stolz darüber, dass er sich mir anvertraute. Er wollte sich die Peinlichkeit ersparen, eine unmittelbare Abfuhr zubekommen. Deshalb fragte er mich nach einer Formulierung für einen Brief. Wow! Als Mutter alles richtig gemacht? Schon oft hatte ich ihm geholfen Hausaufgaben oder Referate zu formulieren, habe bei Konflikten verbale Lösungen beigesteuert, aber dies war sehr persönlich. Keine SMS, keine Umgangssprache unter Kids.

Zurückversetzt in meine eigene Jugend formulierte ich einen Brief, den ich selbst nie bekommen habe, aber mir gewünscht hätte. Diese Ausfertigung gab ich ihm zu lesen, mit dem Hinweis, dass es nur als Anregung für seine eigenen Worte gelten könnte und ich nicht wüsste, ob es zeitgemäß klingen würde. Und prompt kam der Kommentar: "Hast du früher auch schon so alt gedacht wie heute?" Ich verstand die Bedeutung seiner Worte lange nicht. Er übersetzte, so viel ich weis, den Brief in sein Vokabular und hat ihn tatsächlich gemailt. Einen weiteren Kommentar oder eine Mitteilung über die Wirkung bekam ich nicht.

Viel später, mein Sohn war längst auf der Uni, erinnerte er mich an diesen Brief. Zu meinem Erstaunen bat er um einen Zweiten. Keine Bewerbung, keine Doktorarbeit... Einen Liebesbrief. Während eines Praktikums im Ausland hatte er ein Mädchen kennengelernt und war offensichtlich für alle schwer verliebt. Nur er selbst hatte es nicht rechtzeitig gemerkt und litt nun sehr unter der Trennung. Er wollte einen so gefühlvollen Brief schreiben, dass er den unsensiblen Abschied bei ihr vergessen machen konnte. Jedes Gespräch der letzten Monate beinhaltete nur Themen rund um seine Freundin und ich hatte mir schon ein recht detailliertes Bild von den Beiden und ihrer Beziehung machen können. Und obwohl ich ihm sagte, dass müsse er schon selbst tun, konnte ich nicht widerstehen, für mich selbst einen solchen Brief zu verfassen, peinlich darauf bedacht die Wortwahl meines Sohnes zu verwenden, um nicht "alt" zu klingen. Es machte mir wahnsinnigen Spaß.

Aber mein Sohn ließ in seiner Not nicht locker. Mit seinem eigenen Brief kam er zu mir und fragte mich nach meiner Meinung. Gut vorbereitet zitierte ich zur Ergänzung Auszüge aus meinem Brief, wohl etwas zu flüssig, denn er schmunzelte zunehmend. Dann bat er mich, ihm meinen Brief zu geben, denn er habe schon darauf gehofft, dass ich mir insgeheim doch etwas überlegt hätte. Seine charmante List, ließ mich schwach werden. Ich gab ihm also meine Ausführung mit dem gleichen Hinweis wie damals, ihn nur als Anregung zuverwenden. Und nun lachte er zu meiner Überraschung laut auf. Genau dieser Brief hätte ihn bewogen, mich erneut zu bitten, ihm behilflich zu sein. Zwar war er niemals mit der Empfängerin zusammengekommen, doch sie hatte mit dem Brief vor all ihren Freundinnen angegeben. Fortan galt er bei den Mädchen als der Liebhaber schlecht hin und hatte Chancen ohne Ende. Genauso eine Wirkung wolle er dieses Mal wieder erzielen und brauche deshalb meine Hilfe.

Alle guten Dinge sind drei. Drei Tage vor Weihnachten stand mein Sohn vor der Haustür. Auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für seine Freundin war ihm eine Idee gekommen. Er wolle ihr unter dem Tannenbaum einen Heiratsantrag machen. Da seine Freundin immer wieder jenen Liebesbrief erwähnte, der sie beide zusammengebracht hatte, und jedesmal ihr Bedauern zum Ausdruck brachte, dass er einmalig geblieben war, erwarte sie für dieses Ereignis bestimmt etwas Vergleichbares. Er musste mich lange überreden, denn ich wollte nicht in diese Intimsphäre eindringen. Es gibt Dinge, die meiner Meinung nach nur unter Liebenden bleiben sollten. Doch mein Sohn beharrte darauf, selbst die Besten in der Geschichte hätten einen Ghostwriter. Erfüllt von dem eigenen Wunsch, die Beiden glücklich zusehen und meiner künftigen Schwiegertochter eine unvergessliche Erinnerung zum Geschenk zu machen, schrieb ich einen Heiratsantrag auf Papier, das sich von den vielen Freudentränen schon wellte.


Seither bin ich als Ghostwriter in allen Lebensfragen tätig geworden ...

  

 

 

 

 

Erste Liebe

Nun fuhren wir schon zum fünften mal die weite Strecke. Während der Autofahrt sprach ich kein Wort und lauschte gelangweilt der Musik. Der eigentliche Zweck dieses Ausflugs war das Ansinnen meiner Begleiterin. Sie wirkte keineswegs so entspannt wie ich.

Am Ankunftsort steuerte sie zielstrebig auf das Haus zu. Kein Protest meinerseits mäßigte ihr Tempo. Unser Schellen wurde von einem aufgeregten Hundegebell erwidert. Jeder im Haus wusste sogleich, wer schon wieder vor der Haustür stand. Es war kein Höflichkeitsbesuch, denn ich kannte niemanden der Bewohner. Aber meine Begleiterin hatte hier ihre große Liebe gefunden. Zumindestens ihre erste Liebe, angesichts ihres Alters und Erfahrungsstandes eine riesengroße Herzensangelegenheit. 

Unbeirrt stürmte sie auch gleich durch die geöffnete Haustür, ohne die Dame des Hauses zu begrüßen. Aus dem Wohnzimmer hörte ich ihn schon nach ihr rufen und nach einem kurzen Gruß folgte ich ebenfalls eilig dem Klang seiner Stimme. Ich muss gestehen, dass ich die liebevolle Begrüßung der Beiden auf keinen Fall verpassen wollte. Beim Anblick dieses schicken jungen Mannes konnte ich ihr Verhalten gut verstehen. Würde mich ein so schöner Mann umwerben, wäre mein Wunsch ihn wiederzusehen genauso groß, meine Ungeduld und meine Sehnsucht nicht geringer. Schließlich bin ich noch nicht zu alt, um mich an die Schmetterlinge im Bauch zu erinnern. War ich nicht sogar etwas neidisch auf ihr Glück? Es ist so herrlich, jung zu sein, und unbeschwert das Leben bejahen zu können. Gedankenverloren in den Tag leben, im Rausch der Sinne, nur positives Erleben. Ein Cocktail der Hormone, so süß und unerschöpflich. So erging es den Beiden offensichtlich auch. Sie stürzten sich aufeinander und vergaßen augenblicklich Zeit und Raum, genauso wie alle anwesenden Personen im Raum, die nun etwas betreten und sprachlos die Szene verfolgten.

 Die Liebenden verließen ohne eine Erklärung das Haus und suchten ihre Zweisamkeit im Garten. Das kalte Winterwetter schien ihnen nichts auszumachen. Ungern löste ich meinen Blick, schenkte den Gastgebern meine Aufmerksamkeit und setzte mich zu ihnen an den Kaffeetisch. Mangels anderer Gemeinsamkeiten begannen wir ein Gespräch über Hunde. Ein dankbares Thema, das Stoff für zahlreiche Annektoten lieferte. Die Liebenden verloren wir dabei nie ganz aus dem Blick. Der Kaffee war bereits getrunken, aber die Beiden hatten sich uns nicht wieder angeschlossen. Ein langes Schweigen folgte, bis einer vorschlug, ebenfalls in den Garten zu gehen. Es war bitter kalt, keine Sonne und ein eisiger Wind. Die Liebenden hoben kurz den Kopf, sahen zu uns herüber, ehe sie sich ohne jeden Gruß wieder auf einander konzentrierten.

In meinem Kopf herrschten die widersprüchlichsten Gedanken. Natürlich freute ich mich für sie, war zugleich aber enttäuscht, von ihr keine Beachtung mehr zu bekommen. Ich empfand es unbehaglich, unbeteiligt danebenstehen zu müssen, fühlte mich ausgegrenzt und war doch so fasziniert von der Szene. Angesichts seiner umschmeichelnden Art und seiner außergewöhnlichen Umwerbung musste ich immer wieder lachen. Er gab sich wirklich Mühe, schöpfte sein ganzes Repertoire aus und beeindruckte sie mit zahlreichen Kunststücken. Das hat er noch nie gemacht, überraschte es die Frau neben mir. Und ich dachte im Stillen, er hatte eben noch nie eine solch faszinierende Bekanntschaft gemacht. Meine Freude darüber ließ sich nicht unterdrücken. Ohne mich wären sich die Beiden nie begegnet. Hätten diese Liebe nicht zelebrieren können und hätten genau in diesem Augenblick keinen Nachwuchs gezeugt.

Nach so vielen Tagen des Werbens war diese Vereinigung für alle Beteiligten eine große Erleichterung. Nun werden die Besuche eingestellt und ein normaler Alltag wird wieder einkehren, zumindest so lange bis die Welpen geboren sind und mir, der stolzen Hundebesitzerin, den Schlaf rauben.

 

 

Einmal Lächeln, bitte!


Diese Frau sieht niemals glücklich aus. Mit gesenktem Blick läuft sie durch die Räumlichkeiten. Auf mich wirkt sie jung, nicht unattraktiv aber dennoch unscheinbar. Die schulterlangen Haare trägt sie eng am Kopf zu einem Zopf zurückgebunden. Keine Farbe im Gesicht, auf den Haaren oder in der Kleidung. Nur ein einziges Mal habe ich sie mit offenem Haar gesehen, offensichtlich gerade erst beim Friseur gewesen. Es fiel mir augenblicklich auf, denn ihr Erscheinungbild insgesamt wirkte auffallend weiblich. Ihr entspannter Gesichtsausdruck ließ sie schon aus der Ferne zufriedener wirken. Eine Dame schien dies ebenfalls zu bemerken und machte ihr ein Kompliment, woraufhin ich sie erstmals lächeln sah.


Seit diesem Tage mache ich mir jedesmal die Mühe, sie bei unserer Begrüßung freundlich anzustrahlen und bemerke etwas nettes. Sie hat offensichtlich wenig Freude bei ihrer Tätigkeit und wenn sie hin und wieder meine Bemerkung mit einen kurzen Lächeln quittiert, rede ich mir ein, etwas Gutes getan zu haben.


Meine Sympathie für diese Frau wächst bei jedem Besuch. Mit ihrer ernsten, geschäftigen Art in der sie mit den Leuten in Kontakt tritt, sich aber gleich darauf wieder zurückzieht, macht sie wenig Eindruck. Genau diese Art schätzte ich an ihr, diese Unaufdringlichkeit, ihre Wortkargheit, ihre fehlende Neugier. Es gibt mir ein Gefühl unbeschwerter Atmosphäre. Ihren Job versteht sie gut, arbeitet ohne Aufhebens, konzentriert und fleißig.


Meine Beobachtungen führten zu der Schlußfolgerung, dass sie hier die Juniorchefin sein muss. Eingeheiratet in einen Familienbetrieb, der ihr Leben und ihren Freiraum begrenzt. Dieses altmodisch eingerichtete Gebäude, ohne Lebendigkeit und Farbe ergab den richtigen Rahmen für mein Bild, das ich mir von ihr gemacht habe. Ihr Leben scheint bereits festgelegt. Sechs Tage die Woche arbeitet sie mit ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter hier. Da hat sie natürlich nicht viel zu lachen. Manchmal sehe ich sie mit der alten Frau zusammen an einem Tisch in der Ecke sitzen, ohne Unterhaltung, mit leerem Gesichtausdruck


Andere Frauen in dieser Berufssparte sind aufgeschlossen, unterhaltsam, neugierig. Mit ihrer Präsenz füllen sie den Raum, verbreiten Fröhlichkeit und plaudern unaufhörlich. Ihr Beruf beinhaltet ihre sozialen Kontakte. Für gewöhnlich löse ich in ihnen eine mütterliche Fürsorge aus, die schnell eine Vertrautheit entstehen lässt und nicht selten mit einer körperlichen Geste versehen wird. Stets erinnern sie mich an meine Großmutter, etwas derbe aber herzensgut.


Diese Frau erscheint mir anders. Weder burschikos, noch selbstdarstellend. Chefin ohne Autorität, nicht unsicher, aber eben an ein bestehendes Familiengefüge angepasst. Nie hat sie Zeit für sich allein oder zu zweit mit ihrem Mann. Eine nüchterne Beziehung, von Geschäftsbelangen gesteuert. Ein überaltertes Generationsunternehmen, voller Vergangenheit, zu dem sie keinen Bezug hat. In dieser altmodischen Kulisse verliert sie ihre Identität, scheint sich völlig der Umgebung anzupassen. Der Aktionsradius ihres Lebens beschränkt sich auf die Arbeit hier und ihre Wohnung im selben Haus über den Geschäftsräumen. Ihre Arbeitszeiten fallen in die Freizeiten des Bekanntenkreises. Diese kleine Ortschaft weist noch nicht einmal ein Geschäft auf. Jeder zaghafte Versuch etwas neues einzubringen, verliert sich in diesem großen Ganzen. Die Zeit verrinnt und sie wird keine Spuren hinterlassen, an diesem Ort, der nie ihr zuhause sein wird.


Ich schrecke auf aus meinen Gedanken, als sie unerwartet mit einem Kännchen Kaffee und einem Stück Käsekuchen vor mir steht. Unaufgefordert hat sie mich bedient, denn seit Jahren sitze ich einmal die Woche hier allein und gebe jedesmal dieselbe Bestellung auf. Ich sehe zu ihr auf und sie erwidert freundlich meinen Blick. Dann schaut sie aus dem Fenster, spricht über den frischgefallenen Schnee, über ihren alten Polo und zeigt den Berg runter ins Dorf, um mir die Lage ihrer Wohnung zu zeigen.


Voller Dankbarkeit über ihre Aufmerksamkeit lächle ich sie an, für mich das erste Lächeln in dieser Woche.

 

  

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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